Unser erster Fährenspaß: Qingdao – Incheon

Unser erstes Fährabenteuer steht an. Wenn alles klappt, sind wir schon morgen in Seoul. Der Passagierhafen von Qingdao ist wie so vieles in China maßlos überdimensioniert. Eine riesige Halle und nur einige wenige Reisegruppen, die dann doch an den eigentlichen Zweck erinnern.

Auf geht’s!

Trotz der Größe der Halle gibt es kaum Sitzgelegenheiten. Die letzten beiden freien Plätze finden wir schließlich inmitten einer größeren chinesischen Reisegruppe. Wir warten. Die Reisegruppe erhält letzte Informationen der Reiseleitung – für die meisten ist es wohl die erste Auslandsreise.

Endlich wird unsere Fähre zum Boarding aufgerufen. Die Prozedur erinnert an die Abfertigung an großen Flughäfen, bloß ist unsere Fähre die einzige am hiesigen Terminal. China hat wohl noch große Pläne für den Kreuzfahrttourismus.

Wir bringen die Ausreiseformalitäten hinter uns und sind schon bald offiziell nicht mehr in China. Die letzten 50 Meter zur Fähre werden wir per Bus kutschiert. Gott weiß warum.

Mit dem Bus den weiten Weg zur Fähre

Die Fähre ist groß und – beinahe klischeehaft – koreanisch: In der Lobby gibt es einen mit Neonlichterketten behangenen Plastikbaum, daneben ein Schild, das Interessierte auf den Weg zu den Räumlichkeiten für Karaoke hinweisen soll.

50 Personen finden in unserer Kabine Platz. Martina und ich nehmen unser gemeinsames Stockbett in Besitz – alles sauber, die Betten hart, aber überraschend lang. Unser Bettnachbar ist auch schon eingetroffen.

Bettenplan

Während wir uns einrichten, beginnt er, seine Matratze hochzuwuchten, um wenig später die darunterliegende Holzplatte per Kreuzschraubenzieher vom Boden zu lösen. Darunter scheint er sein Gepäck aufzubewahren. Schlau, denke ich mir und spiele mit dem Gedanken, den neu entdeckten Stauraum ebenfalls für uns nutzbar zu machen. Während ich noch überlege, beginnt unser Nachbar, zahlreiche große transparente Plastiksäcke aus besagtem Hohlraum hervorzuzaubern. Der Inhalt: Mehr als 100 Stangen Zigaretten. Welches Geschäftsmodell sich dahinter verbirgt, finden wir nicht mehr heraus. Der Mann verschwindet samt seiner Rauchwaren, und ein älteres koreanisches Paar bezieht die Betten  neben uns.

Des Nachbars Rauchwaren

Oben an Deck wird fleißig fotografiert. Selfies wie Gruppenfotos werden im Sekundentakt ausgelöst. Wir suchen uns ein Bänkchen und genießen noch ein letztes Tsingtao. Auch wir können der Schönheit des Sonnenuntergangs nicht wiederstehen und machen ein paar Fotos.

An Bord
Schon schön
Der Hafen von Qingdao

Nach einer gefühlten Ewigkeit spuckt die Fähre eine beunruhigend schwarze Rußwolke aus und wir legen ab. Als kitschiger Kontrast zu den Abgasen drehen genau jetzt die Bewohner der endlos wirkenden Hochhausreihen von Qingdao ihre Lichter an. Das Ergebnis ist atemberaubend schön. Dazu genehmigen wir uns noch ein Bier.

Ein letztes Tsingtao
Ein letzter Blick zurück

Wir verlassen  die Abdeckung des Festlandes. Der Fahrtwind lässt es schnell kühl werden. Wir wechseln zu Tee und beschließen wenig später, das Bordkino aufzusuchen. Eine gute Entscheidung, die trashige chinesische Komödie ist trotz verzögerter Tonspur unglaublich unterhaltsam. Danach noch ein Abendessen aus Cupnudeln, Mantou und Müsliriegeln. Dann wird es richtig kalt und wir flüchten ins Bett.

Pünktlich um sechs Uhr früh koreanischer Zeit (also um fünf chinesischer Zeit) erwachen unsere Nachbarn und unterhalten sich in Stadionlautstärke. Als sie auch noch beginnen, im Bett geräuschvoll Nudelsuppe zu schlürfen, quäle ich mich aus dem Bett und mache mich auf die Suche nach Kaffee. Martina ist wie immer immun gegen Geräusche und lässt sich beim Schlafen nicht stören.

Anscheinend ist Kaffee zum Frühstück nicht üblich. Die Maschine wird extra für mich in Betrieb genommen. Ich bin der erste am Buffet und kann in Ruhe meine ersten Bissen zu mir nehmen. Bald treffen ganze Horden hungriger Reisegruppler ein und das Buffet wird regelrecht überrannt. Ich beobachte eine Weile fasziniert das Treiben und flüchte schließlich mit meinem Kaffee an Deck. Mit Musik im Ohr erspähe ich die ersten koreanischen Felsen im Meer. Bald gesellen sich zahlreiche kleinere Inseln dazu, dann wartende Tanker und Frachtschiffe. Das ruft wiederum die Selfie-Meute auf den Plan. Als dann Backbord auch noch Möwen auftauchen, gibt es kein Halten mehr. Alle wollen Fotos mit den Vögeln. Eine gelöste Volksfeststimmung bricht aus. Auch eine Sehenswürdigkeit. Schneller als mir lieb ist, gerate ich selbst ins Visier der Fotojäger. Man bittet mich um Selfies mit mir, andere fragen gar nicht erst. Ich flüchte auf die seit dem Auftauchen der Möwen verwaiste Steuerbordseite.

Möwen und Möwenfans
Fotos mit mir sind begehrt wie nie

Dort finde ich – neben einer schlaftrunkenen Martina – die einzigen beiden anderen Fahrgäste, die weder Chinesen noch Koreaner sind.

Ruby, eine alleinreisende Bulgarin, ist tatsächlich von ihrer Heimat bis nach Qingdao getrampt. Alleine. Neben ihr fühlen wir uns wie Cluburlauber. Auch sie ernährt sich vegetarisch, hat aber, wie sie uns glaubwürdig versichert, noch nie absichtlich ein Tier getötet. Moskitos, Schlangen und Skorpione sind willkommene Gäste in ihrem Zelt. Sie scheint absolut furchtlos. Eventuell aber auch nur verrückt? Jedenfalls konsequent in ihrer Moral. 

Die Wohntürme Incheons, einem riesigen “Vorort“ Seouls, tauchen auf. Wir kommen mit einem Journalisten aus Japan ins Gespräch, der sechs Jahre in Seoul gelebt hat. Er schreibt über alles Mögliche und ist fast ständig unterwegs. Als er herausfindet, dass wir noch nicht wirklich wissen, wie wir nach Seoul gelangen, gibt er uns eine Lektion in japanischer Hilfsbereitschaft: Kaum haben wir die Fähre verlassen und den koreanischen Einreisestempel im Pass, weist er uns durch das Großstadtchaos, kauft uns Bus- und U-Bahn Tickets, leitet uns durch die vielen Umstiege und endlos langen Fahrten, bringt uns zu einer Geldwechselstube und erklärt uns, wie wir, endlich im Zentrum Seouls angekommen, die letzten Meter zu Fuß zu unserem Hostel gelangen. Sicherheitshalber bietet er uns noch an, ihn anzurufen zu können, falls wir nochmal Hilfe brauchen. Wir sind überwältigt von so viel Freundlichkeit! 

Wir bedanken uns und sind allein in dieser riesigen verrückten Stadt.

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