Mongolei: Reiten durch die Steppe

Endlich geht es los. Wir reiten über einen Hügel und sind alleine. Keine Menschenseele weit und breit. Das Pferd setzt Huf vor Huf. Der Geruch von wilden Kräutern. Rhythmisches Hufgetrampel. Die Idylle wird nur gestört vom gelegentlichen Furzen des Packpferdes.

Wir nennen es Sabina. Die nächsten zehn Tage wird Sabina (gemeinsam mit einem weiteren Packpferd) unsere Lebensmittel, Töpfe, Zelte und Vodkavorräte unsanft, aber zuverlässig durch die mongolische Steppe transportieren.

Unsere kleine Gruppe wird vom liebenswerten 26-jährigen Buena angeführt, der mit Pferden aufgewachsen ist und jeden Winkel dieser Gegend kennt. Sein Gepäck für die kommenden elf Tage: eine Zahnbürste und das Gewand, das er am Körper trägt. Als “Socken“ trägt er zwei breite Stoffbänder, die er sich um die Füße wickelt. Darüber seine Reitstiefel. Als Schutz vor Sonne und Kälte dient ihm sein großer Mantel, ein traditioneller mongolischer Del. Neben Nici, Martina und mir ist auch noch der 20-jährige Matthieu mit dabei. Matthieu betreibt in seiner Heimat Frankreich den verrückten Sport Horseball (eine Mischung aus Handball und Basketball, aber auf Pferden sitzend) und beeindruckt uns immer wieder mit seinen waghalsigen Reit-Kunststücken.

Rings um uns, endlos grüne Hügel. Wieder der Geruch von Thymian. Weiter im Trab. Wenig später überqueren wir eine richtige Straße. Asphaltiert und zweispurig wirkt diese hier sehr fehl am Platz. Einen Hügel später sind wir wieder allein. Dass wir trotzdem nicht die ersten Menschen hier sind, bezeugen Unmengen von Müll, die lose rund um alte Feuerstellen hinterlassen wurden. Schade. Wir suchen uns einen schönen, müllfreien Platz im Wald und beginnen mit dem Aufbau der Zelte. Buena facht ein Feuer an, und wenig später brodelt eine einfache Gemüsesuppe vor sich hin.

Schnell ist es kühl geworden. Wir genießen das warme Essen und später ein loderndes Lagerfeuer. Einen Schluck Vodka für jeden. Buena singt. Zahlreiche Sternschnuppen am Himmel. Wirklich schön. Die Nacht ist kühl, aber beschert uns einen angenehmen Schlaf.

Von der Sonne geweckt, wird das Feuer wieder angefacht und bald gibt es Kaffee und ein kleines Frühstück. Ein Bad im Bach ist so erfrischend wie notwendig. Um kurz vor Elf sind die Zelte abgebaut, die Packpferde beladen und wir bereit für die nächste Etappe.

Buena beim Beladen von Sabina

Nach nicht einmal zwei Stunden sind wir an einer wunderschönen Hochebene angelangt. Hier sieht es fast aus wie bei uns Zuhause auf der Alm. Lichte Nadelwälder und Unmengen Edelweiß und andere Bergblumen machen diesen Ort zu einem unwirklichen Idyll. Hier pausieren wir für ein Mittagessen. Es gibt reichlich Reis mit Gemüse. Anschließend Kaffee und ein Schläfchen, und weiter geht’s.

Kochen auf der Alm
ein Schläfchen

Der Ritt nach dem Essen strengt uns und auch die Pferde spürbar mehr an. Nach nur zwei Stunden und einem abschließenden flotten Galoppritt schlagen wir unser Nachtlager auf. Heute gibt es Pasta.

Buena seiht die Nudeln in einem Plastiksack ab. Prinzipiell eine gute Idee, wenn nicht vorher Martinas Schuhe darin gewesen wären… Das Essen schmeckt aber trotzdem (oder gerade deshalb?) vorzüglich.

Martina bereitet unser Nachtlager vor
Nici und Matthieu kümmern sich um das Feuer

So vergehen die Tage. Die Landschaft ist immer weit, aber immer anders. Dichter Wald, weite Steppe, fast mediterran anmutende Landstriche, dann plötzlich wieder sumpfiges Grasland.

weite Steppe, Martina & Pferd “Tonics“
Steppe und Wald, Nici & Pferd “Noname“
Felsen und Hügel, ich & Pferd “Camelface“
sumpfiges Grasland
eines unserer Zeltlager
abends unser bester Freund: Die Teekanne
Nici trägt Buenas Del

Regen, oder der Tag der Ziege

Die Packsattel unserer Packpferde sind deutlich geschrumpft, und so halten wir am Rande einer kleinen Stadt vor einem richtigen Supermarkt. Wir binden unsere Pferde am Parkplatz fest und versorgen uns mit Gemüse, Kaffee und Vodka.

unsere Pferde vorm Supermarkt

Schon länger ziehen Regenwolken an uns vorbei. Bisher sind wir trocken geblieben, doch der erstarkende Wind kündigt unmissverständlich das Herannahen einer Gewitterfront an. Eilig suchen wir uns einen Platz für die Nacht. Die ersten Tropfen fallen schon, jetzt muss es schnell gehen. Doch mittlerweile sind wir schon geübt, und noch vor Einsetzen des starken Regens sitzen wir im trockenen Zelt. Das kurze Nachlassen des Regens nutzen wir, um uns alle Fünf in eines der kleinen Zweipersonenzelte zu zwängen. Wir trinken Bier und kochen Suppe im Vorzelt.

Suppe macht glücklich!

Buena spitzt die Ohren. Vermutlich irgendetwas mit den Pferden. Dann hören es auch wir anderen. Draußen jault es. Es ist aber keines der Pferde, sondern ein kleines Zicklein. Es hat sich am Hinterlauf verletzt und den Anschluss zu seiner Herde verloren. Sein Schicksal scheint besiegelt, wir wollen es trotzdem nicht hier draußen im Regen elend verenden lassen. Buena packt es kurzerhand zwischen Vor- und Innenzelt. So ist es wenigstens im Trockenen.

Nici fasst sich schließlich ein Herz und beschließt, dem Patienten in ihrem Vorzelt Asyl zu gewähren. Ich übernehme den Krankentransport. Als wir unsere bierselige Runde später auflösen und zähneputzend herumstehen, hören wir ein lautes Fluchen. Es kommt von Nicis Zelt. Nur eine Minute war der Zelteingang offen, doch das Zicklein hat seine Chance erkannt und sich in Nicis Innenzelt gestohlen, wohl ahnend, dass Nici es nicht übers Herz bringen wird, es wieder zu verbannen. So verbringt Nici die Nacht mit Ziege im Zelt.

Am nächsten Morgen wird Nicis Zeltgenossin noch notdürftig verarztet, Buena opfert dafür ein Stück seiner Socken. Wir plündern für die kleine Patientin unser Erste-Hilfe-Täschchen, und so findet unsere Wund- und Heilsalbe zum ersten Mal Verwendung. Nici versucht einstweilen, den Ziegenduft aus ihrem Zelt zu vertreiben. Spoiler: Es wird ihr diese Woche nicht mehr gelingen.

Nützliche Scheiße

Schon seit Stunden haben wir keinen Baum mehr gesehen, nicht einmal ein Busch wächst hier. Unser mittägliches Verlangen nach Kaffee zwingt uns dazu, auf  besonderes mongolisches Heizmaterial zurückzugreifen: getrocknete Pferdescheiße. Das ist einerseits praktisch, weil das Zeug, egal wie abgelegen der Ort, überall herumliegt und man es bloß einzusammeln braucht. Allerdings gibt es auch, wer hätte das gedacht, ein paar kleine Nachteile: zum Einen muss man das Zeug händisch einsammeln, zum Anderen stinkt es fürchterlich, wenn man es verfeuert. Zusätzlich ist es gar nicht so leicht entflammbar. Ein Lagerfeuer mit feuchtem Holz zu enfachen ist ein Kinderspiel dagegen. Aber genug herumgeheult, in der Mongolei wird damit den ganzen Winter über geheizt und gekocht, also werden wir es wohl schaffen, eine Kanne Kaffeewasser zu sieden. Wir schaffen es, unser Wasser auf ca. 60 Grad zu erhitzen, bis Buena nicht mehr zusehen kann. Kurzerhand schwingt er sich aufs Pferd und galoppiert davon. Nur Minuten später kommt er mit einer Handvoll Holz zurück. Kein Baum, eher ein Teil eines Zauns. Wir stellen keine Fragen, und wenig später genießen wir unseren wohlverdienten Kaffee. Ob wir hier alleine einen Winter überstehen würden, darf bezweifelt werden.

beim Einsammeln der Pferdescheiße

Goodbye my Friends

Wir reiten über einen Hügel, an sich nichts Ungewöhnlichs dieser Tage. Doch diesmal kommt nicht wie üblich ein weiterer Hügel, sondern das Camp in Sicht. Unsere ansonsten so faulen und gemütlichen Pferde sind plötzlich kaum mehr zu bändigen und wollen voller Vorfreude auf zu Hause die ganze Zeit nur losrennen.

Ich allerdings würde lieber wieder zurück in die Steppe reiten, denn Ankommen heißt für uns neben einer Dusche und frischem Gewand vor allem eines: Abschied nehmen. Abschied von Buena, Matthieu, der furzenden Sabina und den anderen Pferden. Vor allem aber von Nici. Wann wir uns wohl wieder sehen werden? Wir beschließen, diese Frage zu verdrängen. Ich und Martina steigen ins Auto und machen uns auf nach Ulaanbaatar. Zum ersten Mal bloß zu zweit.

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