Train harder: 5 Tage in der Transsibirischen Eisenbahn

Endlich ist es soweit. Das Abenteuer Transsibirische Eisenbahn soll beginnen. Wir können es kaum glauben, wie schwer unsere Rucksäcke sind, als wir sie nach drei Tagen zum ersten Mal wieder auf unsere Schultern packen. Proviant für fünf Tage Zugfahrt darf man nicht unterschätzen.

So schwer bepackt quälen wir uns zuerst durch die Sicherheitskontrolle der Ubahn, dann durch jene am Bahnhof. Wir sind rechtzeitig losgefahren, kommen aber dann doch ins Schwitzen, als wir unseren Bahnsteig nicht sofort finden.

In einen falschen Zug einzusteigen ist allerdings keine echte Gefahr. Denn am richtigen Gleis angekommen, werden unsere Pässe und Tickets penibel kontrolliert. Schließlich bekommen wir grünes Licht und dürfen einsteigen.

Ticketkontrolle

Wir haben es geschafft, wir sind in der Transsibirischen Eisenbahn!

In unserem Waggon merken wir schnell, dass wir keineswegs zu früh dran sind. Beinahe alle Liegen sind schon besetzt, die schon bekannte Adjustierung, bestehend aus gemütlichen Jogginghosen, ist angelegt, der eine oder andere Wanst wird unverhüllt zur Schau gestellt, und die ersten Jausen wurden berreits ausgepackt.

Svetlana, unsere Mama

Auch in unserem offenen Abteil der dritten Klasse (Russisch „Platskartny“) ist die vierte Liege schon belegt. Wir fühlen uns durch unsere Fahrt von Riga nach Moskau eigentlich schon sehr erfahren. Wie planlos und unbeholfen wir aber aussehen, wird uns erst klar, als sich unsere Liegenachbarin einmischt.

Sie stellt sich als Svetlana vor. Svetlana ist zwar nur wenig älter als wir, ist aber eindeutig Tanssib-Veteranin und teilt offenherzig Erfahrungen, hilfreiche Tipps und Unmengen an Süßigkeiten mit uns. Wir schließen unsere neue Zug-Mama gleich ins Herz!

Dank Nicis perfektem Russisch erfahren mehr über unsere Mama.
Svetlana ist Puppenspielerin und kommt ursprünglich aus Kasachstan, ist aber dann nach Russland migriert, weil sie mit russischem Pass eher in Deutschland als Pflegerin arbeiten kann. Sie hat einen Deutschen Schäferhund und mag den Winter. Ja, sie meint den Sibirischen, wir haben nachgefragt.

Nici und Svetlana im Gespräch

So geht Trainlife

Zeit, die Annehmlichkeiten unseres Transportmittels ein wenig zu erkunden.
Wohnzimmer, Schlafraum, Küche – und somit das Herzstück unseres Waggons – ist unser offenes Abteil. Jeweils zwei Liegen sind quer zur Fahrtrichung übereinander angeordnet. In Fahrtrichtung befinden sich weitere zwei Liegen. Die Unteren dienen tagsüber als Sitzbank für alle Bewohner des Abteils, außerdem lässt sich einiges an Gepäck unter den Liegen verstauen. Ein kleiner Tisch dient als Küche sowie Spiel- und Esstisch.


Platskartny

Der Samowar ist neben den Toiletten die wichtigste Einrichtung im Zug. Der Heißwasserspender erlaubt es, dass man sich zu jeder Tages- und Nachtzeit Tee, Kaffee, Cupnudeln und andere kleine Köstlichkeiten zubereiten kann.

Irgendwo im Waggon wird immer gerade gegessen. Eigentlich auch bei uns im Abteil, ohne Unterbrechung. Und weil unsere Becher nach dem Essen ausgewaschen werden wollen, „reinigen“ wir diese ganz einfach mit einer Tasse heißem Tee. Svetlana bietet uns dazu regelmäßig verschiedenste süße Köstlichkeiten an. Mein Highlight ist eindeutig in mundgerechte Stücke geschnittenes getrocknetes Apfelpürree. Wirklich delikat!

Echt heiß: Der Samowar
Ja, es schmeckt!
Köstliches Fertigpürree, mit etwas Dill verfeinert

Ein angetrunkener Russe aus unserem Waggon ist sehr touchy und sucht immer wieder unsere Nähe, um uns von seinem Leben zu berichten. Wir geben uns alle Mühe, ihn zu verstehen, aber alles was man aus seinem Gelalle heraushören kann, ist das Folgende: sein Vater war bei der roten Armee, weshalb er schon in Tschechien und Polen gelebt hat. Er arbeitet als IT Ingenieur und führt eine Fernbeziehung mit einer Weißrussin, vielleicht haben wir das aber auch missverstanden.

Auch der Schaffner lässt es sich nicht nehmen, uns auszufragen. Dabei ist er stets freundlich und interessiert, starrt aber Nici unentwegt aufs Dekolleté. Dann wird er anderswo gebraucht.

Abgesehen von diesen Kleinigkeiten sind wir beeindruckt, wie freundlich und zivilisiert hier die Meisten miteinander umgehen. Man befindet sich immerhin mit mehr als 50 Anderen tagelang auf engstem Raum im selben Waggon. Dazu kommen noch drei SchaffnerInnen. Man weicht sich aus, stellt sich abends zum Zähneputzen geduldig in die Schlange.
Das Eis wird meist mit dem Verschenken verschiedenster Süßwaren gebrochen, die  in russischen Supermärkten als Kiloware feilgeboten werden. Eine fast verschworene Schicksalsgemeinschaft entwickelt sich.

Die Tatsache, dass die Eisenbahn auf ihrer Fahrt gleich mehrere Zeitzonen passiert (von Moskau bis nach Irkutsk sind es insgesamt fünf), während offiziell im Zug alles weiter nach Moskauer Zeit abgewickelt wird, sorgt dafür, dass die später zugestiegenen Fahrgäste mitunter einen spürbar anderen Rythmus haben. Auch unsere Armbanduhren lassen wir auf Moskauer Zeit eingestellt.

Draußen fast immer das gleiche Bild: es ist flach, meist sieht man nichts als Birkenwälder. Man ahnt ihre Ausdehnung, sieht aber selten weiter als ein paar Baumreihen ins Unterholz. Birken, Birken, Birken, Birken, Birken – da ein Haus! Egal, schon wieder vorbei. Dafür wieder Birken, Birken, Birken…

Andere Touristen sehen wir nur bei den längeren Stopps in den größeren Bahnhöfen, wenn wir bis zu den Waggons der ersten Klasse vordringen.

Chronisch begegnungsdepriviert und wenig interessiert, den Ausführungen unseres lallenden Freundes zu lauschen, machen wir es uns zur Gewohnheit, den ganzen Zug von der Lok bis zum letzten Waggon entlangzuspazieren.

Ekaterinburg
einmal von ganz hinten…
…nach ganz vorne

Dabei gibt es immer allerlei zu entdecken: kurios gekleidete Fahrgäste, rauchende, im Kreis hockende und Eis essende Russen und die eifrigen Babuschkas (alte Frauen aus der Gegend, die lokale Köstlichkeiten feilbieten).

Eindringlinge in unerem Wohnzimmer

Nach einem solchen Stopp steigt eine Gruppe älterer französischer Touristen aus der ersten Klasse bewusst in unseren Waggon ein, offensichtlich, um mit laufenden Kameras durch den engen Gang zu marschieren und jeden Winkel der Holzklasse abzufilmen. Es fühlt sich an, als ob sie lärmend und filmend durch unser Wohnzimmer laufen würden! Nicht nur wir sind entsetzt von diesem dreisten Verhalten. Man hört so manchen russischen Fluch, und wir vertreiben uns die Zeit damit, in Rachefantasien zu schwelgen. Schließlich widmen wir uns aber wieder wichtigeren Dingen. Zeit für einen kleinen Snack!

Halbzeitpause am Ende der Welt

Nach einer erholsamen Nacht heißt es Abschied nehmen von Svetlana und unserem Zug. Wir haben uns ganz schön ausgebreitet, dennoch schaffen wir es, unsere vielen Sachen wieder in den Rucksäcken zu verstauen. Wir verschnüren unsere deutlich geschrumpften Proviantbeutel, ziehen unsere Betttücher ab und schultern unser Gepäck. Nächster Halt: Golyshmanovo. Niemand außer uns verlässt hier den Zug.

Golyshmanovo

Die 14.000 Seelengemeinde Golyshmanovo bietet sich gleich aus mehreren Gründen als Halbzeitstopp an. Zum Einen liegt sie fast genau auf halbem Weg nach Irkutsk an der Bahnstrecke. Zum Anderen ist die ehemalige sowjetische Arbeitersiedlung weit von größeren Städten entfernt und somit ideal, um auch das ländliche Sibirien kennen zu lernen. Außerdem befindet sich nur etwa 15 Kilometer von Golyshmanovo entfernt das winzige Dorf mit dem klingenden Namen Vagina. Und ja, es ist der dritte Punkt, der uns einen Abstecher nach Golyshmanovo schmackhaft gemacht hat.

Wir checken in das einzige und überraschend moderne Hotel der Stadt ein und genießen die langersehnte Dusche. Gesäubert begeben wir uns auf Nahrungssuche. Keine leichte Aufgabe. Das einzige Restaurant der Stadt ist noch geschlossen. Also ab in den Supermarkt, der überraschend gut sortiert schließlich doch unseren Hunger stillen kann. Noch schnell etwas Proviant eingepackt. Unser Ausflug kann beginnen!

einzige Sehenswürdigkeit im Ort, die Leninstatue

Drei Tickets nach Vagina bitte!

Am Busbahnhof angekommen, werden wir ein wenig nervös. Man ordert ja nicht jeden Tag drei Tickets nach Vagina! Verschämt aber stolz halten wir schließlich unsere Fahrkarten in Händen. Im Bus fühlen wir uns unter den ganzen alten Einheimischen wie Pubertierende, die gerade einen Streich aushecken. Ob die alle wissen, weshalb wir in diesem Bus sitzen? Ob es in Vagina auch einbetonierte Ortsschilder geben wird, wie man sie aus Fucking kennt? Halten uns die Vaginer für Störenfriede, oder sind sie vielleicht sogar froh über Besucher?

All diese Fragen sind vergessen, als ein Straßenschild die Abzweigung nach Vagina ankündigt. Beinahe am Ziel!

fast am Ziel

Wir halten. Wieder verlassen wir als einzige Fahrgäste den Bus. Verschwitzt stehen wir vor der Bushaltestelle in Vagina.

Warten auf den Bus in Vagina

In Vagina ist es wie ausgestorben. Anfangs sehen wir keine Menschenseele. Erst nach und nach bemerken wir da und dort ein paar Einheimische.
Man nimmt keine Notiz von uns, worüber wir auch ganz froh sind. Wir schlendern durch die unbefestigte Straße. Nicht bei allen Häusern ist klar, ob sie noch bewohnt sind. Oft ist der Hauseingang mit dem roten Stern gekennzeichnet. Rechts eine Gruppe spielender Kinder. Eine alte Frau. Eine Schar Gänse.

nicht viel los in Vagina
die lokale Flora in Vagina

Wir spazieren noch ein wenig herum, erfreuen uns am Anblick der in voller Blüte stehenden Kartoffelgärten und anderer Pflanzen, und bald ist es wieder an der Zeit, zur schmucklosen Bushaltestelle zurück zu kehren. Schließlich wollen wir den einzigen Bus nach Golyshmanovo nicht verpassen!

Wir warten und warten, doch kein Bus weit und breit. Nach einer halben Stunde nähert sich endlich ein Motorengeräusch. Das einzige Problem: es kommt aus der falschen Richtung. Trotzdem halten wir den Bus an, vielleicht weiß der Fahrer ja, wo unserer abgeblieben ist. Er weiß es nicht.
Dafür mischen sich sofort sämtliche Fahrgäste ins Gespräch ein und diskutieren alles Mögliche. Nichts davon hilft uns wirklich. Enttäuscht verlassen wir den Bus. Er fährt los – nur um gleich wieder abzubremsen. Irgendetwas muss ihnen eingefallen sein. Wir eilen zum Bus. Der Fahrer meint, wir könnten bis Aromashevo, der Endhaltestelle, mitkommen, von dort soll dann viel später am Tag noch ein Bus nach Golyshmanovo abfahren. Ein alter Mann meint vergnügt, wir bekämen so die Gelegenheit, seine Heimatstadt zu erkunden. Wir steigen ein, der Bus fährt los und wir bewegen uns weg von Vagina – und von Golyshmanovo.

Kartoffelblüte und Kirche in Aromashevo

Man gibt sich offenbar alle Mühe, dem Ort ein wenig Charme zu verleihen, aber trotz Blumenschmuck an jeder Ecke ist Aromashevo ein reizloser Ort. Die in allen Gärten erstrahlende Kartoffelblüte ist von besonderer Schönheit. Das war aber auch schon alles. Die vier Stunden, die wir hier noch verbringen müssen, erscheinen uns schier endlos. Die Wirtsfrau der einzigen Gaststätte im Ort ist gerade dabei, zu schließen. Wir überreden sie, uns noch ein Bier zu verkaufen. Es gibt nur deutsches Weißbier. Gierig leeren wir unsere Flaschen.
Wir finden einen Supermarkt und versorgen uns dort mit Bananen.
Wie scheinbar überall auf er Welt, ist der lokale Spielplatz dieses sibirischen Stätchens von Teenagern bevölkert. Auch wir lassen uns dort nieder und genießen unsere Bananen.

Denkmal am Spielplatz in Aromashevo

Dann ist es endlich soweit. Diesmal kommt der Bus tatsächlich, eine Stunde später sind wir wieder in Golyshmanovo.

Weiter geht’s

Morgens hat unser Hotel noch eine angenehme Überraschung zu bieten. Das moderne Hotel beschäftigt ein paar ältere Frauen, die uns mit dem besten Frühstücks-Kascha versorgen, den man sich vorstellen kann. Mit einem dicken Stück Butter garniert, stärkt uns der heiße Brei für den Weg zum Bahnhof.
Wir warten dort mit einigen Babuschkas auf den Zug. Sie bieten ihre Waren an. Wir steigen ein. In unser neues Zuhause für die nächsten zweieinhalb Tage.

Diesmal hat uns der Zuggott leider keine Svetlana geschenkt. Stattdessen haben wir Gesellschaft einer wortkargen alten Frau. Auch gut.

Bei einem Stopp beobachte ich, wie drei Polizisten einen schwer besoffenen Fahrgast aus dem Zug begleiten. Es gibt sie also doch.

Ich besorge Eis und ein russiches Frauenmagazin. Letzteres ist ein wahrer Fundus and spannenden Kurzgeschichten aus dem russischen Ehealltag. Die Frau stört sich an der Gewinnspielsucht ihres Gatten? Er gewinnt am Ende ein Auto! Die Moral fast all dieser Geschichten: Der Mann hat immer Recht!

Nici schmökert im russischen Frauenmagazin

Auch Nazis fahren Eisenbahn

Nach Anbruch der letzten Nacht verlässt die alte Frau den Zug. Unseren neuen Nachbarn riechen wir schon, bevor wir ihn sehen können. Er hat ordentlich getankt. Mit glasigem Blick sieht er sich um. Er meint, dass nicht ausreichend Platz für sein Gepäck ist. Und das obwohl er doch Russe ist!
Nicis perfektes Russisch irritiert ihn. Er beruhigt und entschuldigt sich.

Bewaffnet mit einer Flasche verschwindet er für die nächste Stunde. Wieder zurück und sichtlich besoffener, stellt er sich als Vladimir vor. LKW Fahrer. Er fährt einen MAN, die russischen Fabrikate seien ihm aber lieber. Putin mag er nicht, zu wenig nationalistisch. Er sei nämlich russischer Neonazi, müssen wir wissen. Er versucht uns zum Trinken zu bewegen. Wir haben aber keine Lust, mit ihm zu trinken. Er lässt sich jedoch nur schwer von seinem Vorhaben abbringen. Schließlich gibt er auf und legt er sich schlafen.

Stunden später wache ich plötzlich auf. Irgendetwas stimmt nicht.
Es dauert ein wenig, bis mir klar wird, was. Ein Rinnsal entspringt irgendwo auf Vladimirs Liege, und bahnt sich seinen Weg zu mir! Mir schwant Übles. Die Schaffnerin weckt Vladimir rüde.
Scheinbar war es „nur“ Wasser. Ich bekomme neues Bettzeug. Mein Schlaf ist aber dahin. Ich mache mich auf zum Samowar, koche mir Tee und schaue aus dem Fenster. Ich werde mit wunderschöner Sonnenaufgangsstimmung belohnt: Nebel liegt im lichten Nadelwald und die Sonne geht langsam auf. Wunderschön!

Morgenstimmung im sibirischen Nadelwald

Leider erwacht irgendwann auch Vladimir und nervt uns weiter mit seiner Existenz. Wir packen unsere Rucksäcke diesmal früher als nötig. Endlich wird der Zug langsamer. Wir sind in Irkutsk!

Geschafft!

 

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